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Angst

Selbst-Diagnose2


Der Wolf und ich




Ich wurde verfolgt, ich wurde grausam gehetzt und gejagt.
Ich wusste genau, es gibt kein Entrinnen, doch Aufgeben konnte ich nicht.
Er ließ sich manchmal zurückfallen. Einmal dachte ich schon, ich wäre ihm entkommen.
Doch als ich, in dieser absolut stillen Nacht, kurz rastete, konnte ich seinen Atem hören.
Er blieb meistens außer Sichtweite, was in diesem hügeligen Gelände nicht schwer war.
Doch immer ließ er mich seine Nähe spüren.
Er hätte mich sicher längst töten können, es schien ihm Spaß zu machen mich zu jagen.
Ihm war sicher klar, dass ich keine Chance gegen ihn hatte. Was für ein perfides Spiel spielte er mit mir?
So viele Nächte rannte und rannte ich in einer schier aussichtslosen Situation um mein Leben, bis ich irgendwann schweißgebadet aufwachte.
Wie oft habe ich diesen schrecklichen Traum schon geträumt?
Wie oft bin ich vor ihm davongelaufen, obwohl ich genau wusste das ich ihm nicht entkommen konnte?
Doch ich wollte nicht mehr weglaufen!
Ich wollte diesen Traum nicht mehr träumen!
Ich wollte nicht mehr Ängstlich sein!
Ich musste gegen ihn kämpfen!!!
Doch jedes Mal, wenn ich diesen Traum träumte, rannte ich in panischer Angst um mein Leben, bis ich wieder schweißgebadet aufwachte.
Das schlimmste war, dass ich in jedem Traum schwächer und langsamer wurde. Ich traute mich nicht zu schlafen, aus Angst, er könnte mich im Schlafe erwischen.
Anfangs rannte ich noch, dann war es nur noch ein schnelles gehen, bis ich schließlich nur noch kroch.
In einem dieser Träume war ich so erschöpft, dass mir einfach die Kraft fehlte um weiter zu kriechen.
Auch mein Wille war nicht mehr stark genug um mich weiter voran zu treiben.
Ich konnte einfach nicht mehr.
Also setzte ich mich hin und wartete darauf, dass er mich tötet.
Es war mir egal, ich hatte keinen Krümel Kraft mehr in mir.
Doch er tötete mich nicht.
In dem Moment, als er mich angriff, wachte ich auf.
Ich erinnerte mich jedoch daran, dass er die Chance hatte, mich zu töten.
Warum hat er es nicht getan? War er zu schwach um mich zu töten?
Als ich den Traum das nächste Mal träumte, hatte sich der Traum verändert.
Der Wolf war auf einmal verletzt und sehr schwach.
Er verfolgte mich weiterhin, blieb aber immer auf Distanz zu mir.
Er versuchte nicht ein einziges Mal mich anzugreifen.
Er schien darauf zu hoffen, dass ich schwächer werde, doch auch seine Kräfte schwanden.
Nach dem mich der Wolf wieder und wieder verfolgte und ich wieder und wieder versuchte ihm zu entkommen, beschloss ich den Traum grundlegend zu ändern.
Es gelang nicht!
Als der Wolf mich wieder im Traum verfolgte, stellte ich mich tot und wartete auf ihn.
Ich tötete ihn mit meinen bloßen Händen.
In dem Moment als er seinen letzten Atemzug tat, schaute ich ihm direkt in die Augen.
Es war kein Hass in seinem Blick, eher Dankbarkeit.
Erst jetzt sah ich wie schwer er verletzt war.
Sein Körper war mit eiternden und entzündeten Wunden übersäht.
Vielleicht hat er mich gar nicht gejagt.
Vielleicht war ich seine Suche nach Erlösung.

Das Ganze hat den Traum nicht verändert, aber es hat ihn beendet.
Ich träumte diesen Traum nie mehr.
Manchmal sehe ich jetzt im Traum einen heulenden weisen Wolf.
Es sind Träume in denen ich um mein Leben kämpfe und dieser weiße Wolf warnt mich vor Gefahr.
Der Wolf den ich im Traum getötet hatte war grau und doch bin ich mir ganz sicher, dass es jener Wolf war, der mich jetzt warnt.
Das Beste ist, ich weiß das dieser weiße Wolf mich beschützt und sobald er erscheint ist ein Alptraum kein Alptraum mehr.
Heute weiß ich, es war kein Wolf der mich jagte und bedrohte, es waren meine eigenen Ängste die mir den Schlaf raubten.
In diesem immer wiederkehrenden Alptraum, erschienen meine Ängste in der Gestalt eines Wolfes.
Jetzt liebe ich Wölfe und weiße Wölfe sind etwas ganz Besonderes für mich.

Peter Ritter